Was sind die Momente, in denen alles komisch scheint?


[Archaïscher Torso Apollos] http://www.sporkworld.org/guestartists/picot/rilke.html

 

und bräche nicht aus allen seinen Rändern/ aus wie ein Stern

Kennst du das Gefühl direkt vor dem Aufprall? Man hört das Schreien der Räder nicht, fühlt nur das Erlebnis von Quer-fahren. Wenn man Rechts lenkt, geht das Auto Links. Links lenken heißt Rechts gehen; der Kontakt zwischen Rädern und Asphalt ist abgebrochen, und in diesem Moment passen deiner Fahr-Instinkte nicht. Die ganze Welt ist für einen Augenblick umgedreht. Dann der Absturz. Es ist wie Tauchen – der Moment, in dem man auf das Wasser schlägt, und so schnell ist es vergessen während der Sekunden von Erstaunen, Nichtwissen, tun ohne Denken, bevor man wieder in die atmende Welt zurückkehrt. Ja werde ich diesen Moment von Querfahren nicht leicht vergessen, als ich in eine andere Welt gestoßen wurde.

und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle

Aber es gab eine andere Szene – kaum zehn Sekunden danach – die ich viel wichtiger finde. Die rechte Front-Ecke ist jetzt eingeschlagen. Der alte, beige Volvo bockte unregelmäßig rauf und runter, als ich an der anderen Seite der Straße zum Stillstand kam. Die Lenkung fühlte sich komisch an; ich fühlte mich komisch. Ich hatte das Gefühl, dass der Volvo eine Fremdsprache sprach. In mir fehlte etwas, sodass ich dieses Auto kaum kontrollieren konnte. In diesem Moment, nicht in der Zeit des Quer-fahrens, nicht in dem Moment des Absturzes, hat das Auto mich gepackt. Das Lenkrad hat mich gegriffen, hat mir die Rolle des passiven Objekts gegeben. Ich hatte keine Ahnung, was ich in dieser umgedrehte Subjekt/Objekt Beziehung machen sollte.

Aber/ sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,

Volvos sind nicht nur groß, sondern stark und fest. Meine Geschwindigkeit könnte nicht mehr als 40km/h gewesen, aber der alte Toyota Corolla war völlig kaputt. Die Fahrer-Seite-Tür ist bis zum Lenkrad reingestürzt, und der Volvo konnte trotzdem noch leicht wegfahren, hätte nicht der Fender gegen eines der Räder gedrückt. Ob ich OK war, daran habe ich nicht gedacht; nur fürchte ich mich so, als ich dem Auto raus gegangen bin, ob der Volvo noch OK wäre. Aber es war nur ein Traum, so etwas zu hoffen. Die mechanischen Komponenten sind noch sicher gewesen, aber der Struktur hat zu viel gelitten. Ich konnte es nicht verstehen: wie sieht 90% des Volvo so normal, so banal aus, und dieser kleinen 10% und die rechte Front-Ecke ist so ein Beispiel von Zerstörung? Als ich die unversehrte Hinterseite des Volvo angeguckt habe, hatte ich das Gefühl, der Volvo lügt mich an. “Alles ist in Ordnung,’ sage er, “Es war nur ein Traum, komm mal wieder rein und fahr doch weg. Hier gibt’s nichts zu sehen.”
Können Autos ehrlich reden? Kann man ein Auto hören? Als ich geparkt war, bin ich um meinem Auto herumgegangen. Ich konnte noch das tik-tik-tik des Motors hören. Wenn ein Motor kühlt, wird er auf jeden Fall dieses Geräusch machen, egal ob er in der kompletten Ruhe einer Garage die Zeit verweile, oder ob er nach einen Unfall an der Seite der Straße stehe. Objekte haben keine Bewusstheit, und bei ihnen hat jeder Input denselben Output. Aber diesmal hatte das Geräusch einen anderen Klang. War die Rede meines Volvos – habe ich nur mich gehört? – eine Vorstellung meiner Gefühle, oder hat das Auto bestimmt zu mir als eine selbständige Figur gesprochen?

in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,/ sich hält und glänzt.

Rilke hat auch seine Subjekt/Objekt Beziehung einmal umgedreht. Der Torso Apollos hat nicht nur Rilkes Blick erwidert, sondern der Torso hat sein eigenes Schauen. Durch die Jahrhunderte, durch das Mittelalter und die Moderne leuchtet dieser Torso sein innerliches Licht. Wie Rilke beschreibt, “Aber/ sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber.” (Diese Glühen – woher stammt es, und warum dauert das Licht Jahrtausendlang? Bei dieser Skulptur ist die heidnische Sexualität der Grund der dauerhaften Flamme. Und warum ist sie so heidnisch? Rilke impliziert in “zu jener Mitte,” daß man den Stammpunkt von des Torsos Zeugung nicht in aller Öffentlichkeit nennen soll. Und warum darf man sie nicht nennen? Weil Begehren Neid ist, und der Wunsch nach Sexualität kann im Christentum nicht erlaubt sein.) Was heißt das, ein Objekt mit einem innerlichen Licht zu beschreiben? Rilke beschreibt in Archaïscher Torso Apollos eine Szene, in der ein Licht zu ihm leuchtete. Der Torso hatte eine Kraft, die aus ihm selbst entsprang. Man könnte den Torso kaum einen Charakter des Gedichtes nennen, und was für ein Objekt ist das? Etwas aktives? Objekte sind per definitionem passiv, aber Rilke hat das Gegenteil erlebt.
Ohne Kopf, Augen, Hände hat die Skulptur dennoch ihren innerlichen Geist, beschreibt Rilke. Der Volvo, meine Ikarus-Flügel, gab mir denselben Eindruck von Individualität, als wir an der Seite der Straße blieben. Wir waren zusammen, als auch wir den Neid der Götter herausgefordert haben. Aber doch fühlte ich mich wie Konstantin nach dem Autounfall; ich habe das Haupt abgeschlagen. Der Volvo hat mich mit seinem einzigen Scheinwerfer angeguckt; war das nicht derselbe Blick von Apollo auf Rilke?

Eine Bestätigung fand ich in dem Augenapfel des Volvos, dass die Abgrenzung zwischen unbelebt und lebendig nicht ganz fest ist. Wie das Kind mit seinem intermediary object ist das Leben öfter leichter zu verstehen, wenn alle Dinge menschlichen Charakter annehmen. Buecher erzaehlen uns Geschichten; Fernseher schreien uns an; Menschen schaffen eine aktive Landschaft, wo alle Sachen aufeinander wirken. Wenn der Volvo, wie der Torso Apollos, eine selbstaendige Lebendigkeit hatte, hat der Volvo mir nicht dasselbe Urteil gegeben?

Du mußt dein Leben ändern.

Als das Adrenalin floss und der Kopf schwamm, habe ich dieses Urteil bekommen, aber ich hatte keine Nahtod-Erfahrung. Der Grund dieses Gefuehls war die unerwartete Unverstaendlichkeit der normalen Lebensmethoden. Ich habe Links um die Kurve gelenkt – zu schnell – das Auto ging Rechts, direkt auf die Seite des Toyotas. Und als der Volvo nach dem Aufprall bockte, fing das komische Gefühl an. Vor der Kurve habe ich mir völlig vertraut, alles richtig zu handeln. Ich wusste, was der Wagen machen könnte, ich wußte den richtigen Grad zu lenken, die richtige Geschwindigkeit zu fahren. Mit seinem einzigen Scheinwerfer hat das Auto mir gesagt, dass das, was ich richtig nenne, manchmal falsch ist; was ich verstehe, nicht immer stimmt. Das heißt, dass das, was ich mache, nicht immer korrekt ist.

Alleine zu fahren ist eine komische Erfahrung. Viele Arbeiter haben ihre einzige einsame Zeit des Tages in ihren Autos. Man kann sich richtig sicher fühlen, in dem metallen Mutterleib. Normaleweise sind Autos ganz banal und ein Auto zu fahren genau so unbedeutend. Aber manchmal, wenn man alleine fährt, verliert man das Selbstsein. Man steuert und fährt in einer Zusammenbindung mit dem Wagen und guckt aus dem Fenster wie durch Brillen. Die Funksteuerungen kommen direkt zur Hand; der Fahrer und das Auto sind komplett einverstanden. Der Autounfall hat meine Verbindung zerbrochen, aber nicht mein Verbindung mit einem Auto. Der Absturz hat meine Verbindung mit der Welt gestört – der Wagen war mein Vermittler. Wenn man alleine fährt, ist der Wagen nur das Mittel, mit dem man 100km/h fahren kann, mit dem man in die Stadt gehen kann. Man erlebt durch das Auto. Und als ich mich mit dem Volvo in Ordnung fühlte, fühlte ich mich mit der Welt in Ordnung. Das komische, unverständliche Bocken war doch ein Erdbeben.

Vor dem archaischen Torso ist Rilke in keinem Absturz verwickelt gewesen, aber doch hatte er den typischen Wunsch nach Lebensänderung. Was haben diese zwei Szenen gemein? Rilke und ich haben das Leben durch Objekte verstanden. Bei Rilke stehen Objekte so direkt vor den Augen – die Gewänder wiederverlorener Fraun, die Segelschiff in der Hand, als der Knabe Rilke sein kleines bleiches Gesicht entdeckt. Manchmal ist es so, dass die Objekte als Pforten zu einer klaren, verständlichen Welt scheinen. Von Rilkes Gedichte bekomme ich den Eindruck, dass Objekte etwas in ihnen selbst haben, eine innerliche Kraft.

Sonst stünde dieser Stein entstellt

Sie haben mir schlechte Nachrichten gegeben: totaled. Zusammen mit dem Polizeibericht, der ruhigen Fahrt mit meinem Vater nach Hause, habe ich endlich den Unfall wieder mal in mein alltägliches Leben eingeblendet. Ich konnte noch Fahren, hatte noch meinen Führerschein, aber es war mir klar, dass der Fahrspaß ein Ende genommen hat. Meine Unschuld habe ich verloren, dachte ich. Es ist jetzt schon Jahre her, und ich erinnere mich noch an Fahrten nach dem Aufprall. Ich erinnere mich an ihr wirbelndes blondes Haar – in der Kabine wehte ein böiger Wind. Die Welt kristallisiert sich noch um Autos. Ihrer Fähigkeit, die Welt manchmal klar zu machen, bleibt noch, und der Fahrspaß auch. Die reflexionslose Verbindung mit einem Auto scheint jedoch nicht dauernd zu sein.

denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht

Ich bin jetzt immer aufmerksam, dass Objekte manchmal lebendige Eigenschaften haben. Wenn man offen bleibt, leise und bereit vor einer alten Skulptur, zum Beispiel, kann man ja ein inspirierendes Lächeln hören. Eines kalten, einsamen Nachts habe ich mit stillen Gedanken und zitternden Haenden einen Volvo angeguckt, und ich habe in der Ruhe das tik-tik-tik eines atmenden Motors gehört.

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